Die Cochemer Glocken
Wie im Dreißigjährigen Krieg auch Cochem, das still, aber voll Weinlust, an der Mosel liegt, von den Söldnerheeren bedrängt wurde, fürchtete der Rat , da wieder einmal die Franzosen im Anzuge waren, für die Glocken der alten Stadtkirche. Er beschloß, sie vom Turme zu nehmen und verbergen zu lassen.
Da die Ratsherren schon bis zum Abend gesessen und beraten hatten, meinte der Bürgermeister, es wäre schließlich das Sicherste, sie in der Mosel zu versenken, nur sollte man sich die Stelle merken, daß die Glocken bei ruhigeren Zeiten wieder gefunden würden.
Erfreut über diese Lösung, ließen die Herren durch den Büttel den besten Wein des Ratskeller bringen und saßen noch frohgelaunt in ihren Sesseln, als schon der Mond über die Berge stieg und voll durch die bunten Fenster des Saales fiel, in den die Öllampen nur ein schwaches Licht warfen. Als die Glocken schon Mitternacht geläutet hatten und ihre letzten Schwingungen über die nächtlichen Berge und Wälder wie durch die Ewigkeit summten, hatte der Ratsschreiber, der gelb wie ein Pergament hinter seinem Becher mit Ratskellerwein saß, auch das Mal für die Stelle gefunden. In das Schiff, mit dem man hinausfahre, könne dort, wo die Glocken in den Fluß gingen, ein Kerb gemacht werden; das genüge, wenn man nur das Schiff sorgsam bewahre.
Nach ein paar Tagen, als die Glocken vom Turm heruntergeholt waren, bewegte sich ein seltsamer Zug durch die Straßen der Stadt zum Ufer der Mosel hin: Vorauf schritt die Stadtmusik und blies einen ernsten Choral, zu dem die Ratsherren, die mit dem Bürgermeister in der vollen Amtstracht hinterher kamen, ernste Gesichter schnitten.
Ihnen folgten auf einem bekränzten Leiterwagen die Glocken, während das Cochemer Volk in langen Reihen den Wagen begleitete.
Zu Schiffe durfte nur der Rat mit den Glocken. So hatte der Büttel am Morgen mit lauter Schelle verkündet. Wie nun das Schiff in der Mitte des Flußes stand, legten die Ratsherren ihre Mäntel über die Bordstangen und senkten die Glocken langsam ins Wasser, eine nach der anderen, indes die Musik am Ufer blies, die Frauen schluchzten; die Männer aber meinten, der Rat sei närrisch.
Als sich die Mosel beruhigt und der Rat seine Mäntel wieder angelegt hatte, hielt der Bürgermeister, fest am Wasser stehend, den verschwundenen Glocken eine Rede, nahm seinen Dolch und schnitt eine mächtige Kerbe in den Schiffsrand, dahin, wo das Seil die Glocken in die Tiefe gesenkt hatte. Nach einem letzten Blick in das Wasser drehte das Schiff und fuhr langsam dem Ufer zu, wo die Bläser ein lustiges Lied anstimmten und die Ratsherren in die Stadt zurückführten.
Ob die Cochemer ihre Glocken mit dem Schiff und seiner Kerbe wiederfanden, wird nicht berichtet. Jedenfalls freuten sie sich noch lange bei einem Glas Wein im Ratskeller zu Cochem, so den Franzosen ein Schnippchen geschlagen zu haben.
